Autor Thema: Ein praxisorientiertes Kurmancî-Lehrbuch  (Gelesen 8349 mal)

Hejaro

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Ein praxisorientiertes Kurmancî-Lehrbuch
« am: 10. März 2006, 17:51:10 »
Über das Lernen des Kurdischen als Fremdsprache und ein praxisorientiertes Kurmancî-Lehrbuch


Judith Wolf
 

Ich bin erstaunt, wirklich sehr erstaunt...
Jahrelang habe ich versucht, mit mehr oder minder schlechtem Unterrichtsmaterial bei verschiedenen Lehrern Kurdisch zu lernen. Meine Kurdischlehrer beherrschten ihre Muttersprache, hatten ein immenses Wissen über ihre grammatischen Strukturen, ihnen lag die Vermittlung des Kurdischen sichtbar am Herzen. Doch bei aller anerkennenswerten Mühe verfügte bis auf zwei Ausnahmen keiner von ihnen auch nur ansatzweise über das notwendige didaktische Können. Etliche Deutsche, die mit mir im Kurdischunterricht saßen, haben es nach diversen ernsthaften, doch tendenziell erfolglosen Anläufen irgendwann aufgegeben.
Diese bittere Lernmüdigkeit spiegelt die Situation der kurdischen Sprache wider, und umgekehrt hat diese Resignation auch eine schwerwiegende Auswirkung auf das Kurdische: Kurdisch wird von außen häufig als eine unnormale, nicht lernbare Sprache wahrgenommen. Das kann kaum zur Förderung der kurdischen Sprache beitragen.

Worüber bin ich nun so erstaunt?
Ich halte so etwas wie ein Kurmancî-Lernpaket in der Hand. Es besteht aus einem Lehrbuch, einem Arbeitsbuch und einer CD. Zum ersten Mal sehe ich Kurdischlehrmaterial, das optisch ansprechend ist und sich in seiner didaktischen Qualität tatsächlich in einer Reihe mit guten Sprachlehrbüchern sehen lassen kann. Nichts für spitzfindige Grammatiker, sondern etwas für ganz normale Menschen, die Lust haben, eine schöne Sprache zu lernen und auch Spaß dabei haben wollen. „Kurdî kurmancî 1“ von Evdila Dirêj richtet sich an Personen ab 14 Jahren, die noch kein Kurdisch können, mit anderen Worten an Anfänger. Es eignet sich weniger zum Selbststudium, sondern ist eindeutig als Lehr- und Lernmaterial im Rahmen des Kurdischunterrichts konzeptioniert.

Interessant ist, dass es vollständig auf Kurdisch verfasst ist. Im Grunde genommen basiert es auf der gleichen Methode wie etwa die Deutschkurse für Immigranten. Wer beispielsweise aus Polen nach Deutschland kommt, lernt Deutsch auf Deutsch von einem deutschsprachigen Lehrer ohne polnische Erläuterung. Einziges Hilfsmittel mit Bezug auf die Muttersprache ist in der Regel ein Wörterbuch. Ich halte diese Methode für sehr sinnvoll, denn je mehr im Unterricht die Muttersprache oder eine andere dem Lernenden bereits vertraute Sprache benutzt wird, um so weniger praktiziert er die zu lernende Sprache. Löst man sich aber beim Lernen vom Denken der vertrauten Sprache und lässt sich mit allen Sinnen auf die zu lernende Sprache ein, nimmt man diese schneller und dauerhafter auf. Man hat einfach nicht die Möglichkeit, in die bisher vertraute Sprache zu flüchten.
In den meisten Kurdischkursen in Deutschland wird nun aber ausführlich auf Deutsch über grammatische Spitzfindigkeiten des Kurdischen diskutiert. Es werden fast ausschließlich lange Texte gelesen, grammatisch analysiert und vom Kurdischen ins Deutsche übersetzt, selten umgekehrt. Dialoge werden kaum oder gar nicht geübt. Man lernt Kurdisch wie Latein – eine Sprache, die nur gelesen, aber nicht gesprochen wird, eine tote Sprache. Bei solchem Lernen verkümmert die Fähigkeit, eine Sprache aktiv zu gebrauchen. Ich kann zwar inzwischen Texte halbwegs gut lesen, kann gelehrte Gespräche über die kurdische Grammatik führen und beherrsche die kurdische Rechtschreibung besser als viele Kurden – aber eigentlich wollte ich nicht Sprachwissenschaftlerin werden, sondern einfach nur mit meinen Freunden Kurdisch sprechen. Und das kann ich bis heute nicht wirklich.
Die Hör- und Sprechfähigkeit, die ich tatsächlich erworben habe, rührt aus den völlig anders konzeptionierten Kursen von Hüseyin Kartal. (Schade, dass ein so guter Lehrer nicht mehr unterrichtet.) Im Unterricht, den er größtenteils dialogisch gestaltet, spricht er ausschließlich Kurdisch. Die Wörter und Sätze wiederholt und spielt er so oft vor, bis alle sie verstanden haben und adäquate Antworten geben bzw. unmittelbar in eigenständigen Dialogen untereinander üben können. Was ich hier gelernt habe, habe ich nicht vergessen. Anders als nur gelesene, analysierte Texte oder abgelesene, stereotyp wiederholte Dialoge prägen sich bildhafte Handlung, mehrfach Gehörtes und selbständig Gesprochenes unmittelbar ein.

Das 10 Lektionen umfassende Lehrbuch von Evdila Dirêj bezieht diese didaktischen Komponenten ein: Der jeweilige Lernstoff einer Lektion wird unmittelbar in kurdischer Sprache vermittelt. Durch diverse Dialoge und Übungen wird das Sprechen in wechselnden, selbständig kreierbaren Rollen trainiert. Farbliche Hervorhebungen und unzählige Bilder unterstützen die einprägsame Vermittlung des jeweiligen Stoffes. Lesetexte sind kurz gehalten und keinesfalls ermüdend. Die Grammatik wird in kurzen Übersichten anschaulich dargestellt, wobei die entscheidenden Komponenten farbig markiert sind. Zu jedem Abschnitt des Lehrbuches bietet das vor allem für Hausaufgaben vorgesehene Arbeitsbuch passende Übungen, die das Lesen, Schreiben, Übersetzen und die Grammatik trainieren. Das Lernen mit der CD unterstützt sowohl das akustische Verstehen als auch die Aussprache des Kurdischen. Schön ist hierbei, dass zum Teil versucht wird, zum Beispiel durch Musik eine reale Atmosphäre zu schaffen. Die auf der CD wiedergegebenen Dialoge sind im Lehrbuch jeweils gekennzeichnet.
Die Lektionen behandeln verschiedene Bereiche des Alltags sowie geographische, historische, kulturelle und politische Themen aus Kurdistan, aber auch aus anderen Ländern. Als sehr angenehm empfinde ich es, dass die Texte und Bilder keine Klischees vom ach so idyllischen Landleben in Kurdistan vermitteln, sondern eine weitgefächerte Bandbreite kurdischen Lebens zwischen Tradition und Moderne, Stadt und Land, Kurdistan und Diaspora. Hierbei fehlt es nicht an komischen Momenten. Hinzu kommt ein geradezu kosmopolitisches Flair, indem Persönlichkeiten und Ereignisse aus der kurdischen Kultur und Politik neben solche aus anderen Ländern gestellt werden. In den Dialogen treten neben vielen Kurden auch Joung aus China, Fatîma aus Ägypten, Amadu aus Ghana, Mona aus Italien und andere auf – unter anderem als Touristen in Kurdistan, was angesichts der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Südkurdistans gar nicht mehr so abwegig ist. Dieser Aspekt vermittelt ein ausgesprochen wichtiges Gefühl: Kurdisch ist eine für alle Menschen lernbare und normale Sprache unter vielen anderen Sprachen, eine schöne Sprache, die zu lernen sich lohnt.

Nichtsdestotrotz gibt es einige Mängel, die benannt werden müssen, wobei ich meine Kritik ausdrücklich als konstruktiv verstanden wissen möchte:
In verlagstechnischer Hinsicht fällt auf, dass die ISBN-Nummern fehlen, was den Vertrieb bzw. Erwerb von „kurdî kurmancî 1“ über normale Buchläden und ihre Einarbeitung in EDV-gestützte Bibliothekskataloge so gut wie unmöglich macht. Die Leimbindung der Bücher ist leider von so schlechter Qualität, dass sie den Belastungen, denen ein Lehrbuch in der Regel ausgesetzt ist, mit Sicherheit nicht standhalten kann.
Bei genauerem Betrachten wird man etliche, eher kleinere Schreibfehler entdecken – das ist unschön und störend, kommt allerdings in den besten Lehrbüchern für andere Sprachen auch vor. Hier hätte die redaktionelle Bearbeitung einfach besser organisiert werden müssen.
Aus nicht nachvollziehbaren Gründen sind die Kurdisch-Deutsch-Englisch-Listen mit grammatischen Begriffen und Verben am Ende beider Bücher nicht alphabetisch geordnet und somit schlichtweg nicht nutzbar.
Die CD hätte definitiv besser gelingen können. Es gibt einige hervorragend gute Sprecher und Sprecherinnen wie zum Beispiel Yasemin Bilgin und Şükriye Doğan, die sehr ruhig, deutlich und gut betont sprechen, was gerade für Anfänger sehr wichtig ist. Einige sprechen jedoch mit schlechter Betonung und erheblich zu schnell, so dass man kaum ein Wort vom anderen unterscheiden kann. Das ist für Anfänger ausgesprochen problematisch: Sätze, deren Wörter man akustisch nicht von einander getrennt wahrnehmen kann, kann man schwerlich verstehen oder nachsprechen. Sicherlich ist es unter den gegebenen Bedingungen so gut wie unmöglich, wirklich professionelle Sprecherinnen und Sprecher zu finden. Doch gibt es durchaus viele Kurdinnen und Kurden, die ihre Sprache so schön lesen können, dass sie für die Aufnahme einer Sprach-CD geradezu prädestiniert sind. Des Weiteren hätte es der CD nicht zum Schlechten gereicht, wenn die Dialoge wiederholt bzw. aktive Übungen eingebaut worden wären. Nichtsdestotrotz halte ich das Verwenden der CD für ausgesprochen sinnvoll, denn in jedem Fall ist das Hören für das Sprechen unerlässlich.

Das didaktische Konzept des Buches verliert durch die benannten Mängel keinesfalls an Wert. Alles in allem und bei aller Kritik ist das Kurmancî-Lehrbuch von Evdila Dirêj einschließlich Arbeitsbuch und CD ein enormer Schritt vorwärts im Bemühen um die Vermittlung der kurdischen Sprache. Es setzt einen Maßstab in der didaktischen Konzeption von Kurdischlehrbüchern, hinter den man auf keinen Fall zurückfallen darf, wenn die kurdische Sprache tatsächlich lernbar und auch für Nicht-Muttersprachler dauerhaft interessant sein soll. Vielmehr sollte es als Ausgangsbasis für weitere Entwicklungen in der Lehre der kurdischen Sprache betrachtet werden. Wenn Kurdischlehrerinnen und -lehrer ihrem Unterricht das didaktische Konzept dieses Buches zu Grunde legen, werden ihre Schülerinnen und Schüler wesentlich mehr Spaß am Lernen und bessere Lernerfolge haben.

Evdila Dirêj 2005: kurdî kurmancî 1: pirtûka xwendinê (Lehrbuch) ; Farbe ; 155 S. + kurdî kurmancî 1: pirtûka hîndariyê (Arbeitsbuch) ; schwarz-weiß ; 139 S. + kurdî kurmancî 1: CDya guhdarîkirinê (Audio-CD): 57 Gespräche. Dilop Verlag ; € 25.

Kurdî kurmancî 1 (Lehrbuch, Arbeitsbuch, Audio-CD) ist als Paket für € 25,- zuzüglich Porto € 5,- erhältlich über:
Dilop Verlag, Selim Büsse
Postfach: 302211
10753 Berlin

Der Versand erfolgt nach Eingang des entsprechenden Betrages:
Bankverbindung: Berliner Sparkasse
Kontonr.: 630195595
Bankleitzahl: 10050000

Quelle: http://www.rojava.net/28.10.2005lehrbuch-kurmanci.htm

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Re: Ein praxisorientiertes Kurmancî-Lehrbuch
« Antwort #1 am: 27. August 2006, 20:47:19 »
Ferheng Org

Ihr könnte hier Kurdisch-Deutsche Lehrbücher kennen lernen.

Hun dikarin livir jibona fêrbûna Kurdî hinek Pirtûkên Kurdî-Elmanî nasbikin.

http://www.ferheng.org/de/?Lehrb%FCcher